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16.10.2015

Gleichstellung der Geschlechter: Angleichungen, Widersprüche, Wechselwirkungen

 

Zum Abschluss des Nationalen Forschungsprogramms 60 Gleichstellung der Geschlechter ein Résumé der Präsidentin

​Seit den 1980er Jahren zielen in der Schweiz eine Vielzahl an politischen Programmen, Strategien und Massnahmen auf die Umsetzung von Chancengleichheit für Frauen und Männer. Das NFP 60 hat erstmals für die Schweiz die gleichstellungspolitischen Aktivitäten der vergangenen Jahrzehnte in den Blick genommen und dabei nicht nur auf Fortschritte in der Gleichstellung der Geschlechter, sondern auch auf anhaltende Ungleichheiten aufmerksam gemacht.

Im Bereich der Bildung stellt die Angleichung der Qualifikationen junger Frauen und Männer auf der Sekundarstufe II und an den Universitäten einen grossen Schritt in Richtung Gleichstellung dar. Trotz dieses Erfolgs haben sich die Bildungsorientierungen jedoch erst wenig verändert: Junge Frauen sind auf allen Bildungsstufen in allgemeinbildenden Ausbildungsgängen übervertreten, während junge Männer weiterhin in Studiengängen der Naturwissenschaft und Technik dominieren. Dabei stossen insbesondere männliche Jugendliche noch auf Vorbehalte unter Gleichaltrigen, wenn sie einen «frauentypischen» Bildungs- und Berufsweg einschlagen wollen. Mehr noch: Junge Frauen mit Kinderwunsch wählen bis heute Ausbildungsgänge und berufliche Tätigkeiten, die ihnen eine Teilzeitarbeit, Erwerbsunterbrüche bzw. Kinderpausen zu ermöglichen scheinen- und junge Männer stellen sich weiterhin bereits bei der Wahl von Bildungsgängen auf ein lebenslanges Berufsleben und eine 'Ernährerrolle' ein. Zudem lassen die Projekte des NFP 60 erkennen, dass Eltern, Schulleitungen, Lehrkräfte bis hin zu Beratungsfachleuten die geschlechtlichen Konnotationen von Bildungs- und Berufswegen noch zu wenig in Frage stellen. Und trotz vieler Jahre von Gleichstellungsarbeit weisen schulische Lehrmittel sowie Spielangebote in der Kinderkrippe noch immer geschlechterstereotype Züge auf.

Ähnlich widersprüchlich präsentieren sich aktuell Geschlechterverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt: In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen in der Schweiz, insbesondere diejenige von Müttern, erheblich angestiegen. Gemessen an der Erwerbsquote (d.h. am Prozentsatz erwerbstätiger Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren) liegt die weibliche Erwerbsbeteiligung in der Schweiz europaweit sogar auf einem Spitzenplatz. Das NFP 60 macht jedoch deutlich, dass trotz dieser grossen gleichstellungspolitischen Errungenschaft ungleiche Arbeitsmarktchancen von Frauen und Männern fortbestehen. Männer und Frauen in 'geschlechtsuntypischen' Berufen, Positionen und Arbeitspensen sind selten. Weiterhin existieren ein grosses Lohngefälle und unterschiedliche Entwicklungen in den Reallöhnen von Männern und Frauen dauern an. Schon beim Berufseinstieg beträgt die unerklärte Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern rund 7%, wobei diese sich im Verlauf der der Berufsbiographie oft noch verstärkt. Darüber hinaus wird geringqualifizierten Frauen sowie Frauen, die sich in der zweiten Hälfte ihrer beruflichen Laufbahn befinden, bisher von der Gleichstellungpolitik noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Im Erwerbsleben werden Frauen im Alter 50+ oft übersehen, wenn es um Weiterbildung oder um Massnahmen im Bereich des Altersmanagements geht.

Auch die Vereinbarkeit von Familie, Bildung und Beruf hatte in den vergangenen Jahren hohe Priorität auf der politischen Agenda. Einiges hat sich bewegt, so wurden etwa schweizweit die familienergänzenden Betreuungsangebote ausgebaut, oder Familien mit Kindern steuerlich entlastet. Dennoch verweisen die Forschungsresultate des NFP 60 auch an dieser Stelle auf anhaltende Herausforderungen: Bezahlte und unbezahlte Arbeit ist weiterhin ungleich verteilt. Und überwiegend sind es bis heute Frauen, welche vielfach unbezahlt gesellschaftlich unverzichtbare Care-Arbeit für junge und ältere Betreuungsbedürftige leisten. Überdies zeigen sich im kantonalen Vergleich erhebliche Lücken im Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten, dies gilt insbesondere für die Betreuung im Vorschulalter - bei insgesamt sehr hohen Betreuungstarifen in der Schweiz. Auch fehlt es an Tagesstrukturen zwischen stationärer Pflege und Betreuung zu Hause sowie einer fairen Entlohnung der Pflegearbeit: Frauen aus Drittstaaten, die vermehrt in privaten Haushalten Care-Arbeit erbringen, sind bisher kaum vor prekären und ungesicherten Arbeitsverhältnissen geschützt. Wie die Analysen des NFP60 zeigen, erweist sich auch die Familienfreundlichkeit von Unternehmen noch als zu gering. In der betrieblichen Praxis richten sich Massnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiterhin einseitig an Frauen und beziehen Männer kaum ein. Und erst die wenigsten Massnahmen in den Betrieben zielen auf eine Unterstützung von Care-Aufgaben, die in späteren Lebensphasen anfallen.

Schliesslich haben im Bereich der Sozialen Sicherheit zahlreiche sozialpolitische Reformen der letzten Jahre, wie etwa die Revisionen der AHV oder der beruflichen Vorsorge, auf ein Mehr an Gleichstellung im Alter gezielt. Auch hier aber reichen die Anstrengungen noch nicht aus: Denn die Ungleichheiten wie sie in traditionell 'weiblichen' Bildungs- und Erwerbsorientierungen angelegt sind, so zeigt das NFP 60, verschärfen sich oftmals im Lebensverlauf. Eine geringe Schul- oder Berufsbildung, unbezahlte Care-Arbeit oder unbezahlte Mitarbeit im Betrieb (wie etwa in der Landwirtschaft oft der Fall), Erwerbsunterbrüche und Niedriglöhne kennzeichnen heute noch zu oft weibliche Biographien und haben eine reduzierte Vorsorgefähigkeit und ungenügende soziale Absicherung von Frauen zur Folge: Denn eine existenzsichernde Vorsorge gegen Erwerbsausfall infolge Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter ist an eine kontinuierliche, vollzeitliche Erwerbsbiographie gebunden. So sind Frauen in der Schweiz im Alter oft schlechter gestellt, in Notlagen nicht hinreichend gesichert und auf Ergänzungsleistungen zur AHV/IV oder Sozialhilfe angewiesen. Und während in vielen Haushalten und Familien nicht nur ein wachsendes Interesse an der beruflichen Teilhabe beider Partner, sondern auch ein zunehmender Erwerbsdruck zu erkennen ist, wird eine hohe Erwerbsarbeitszeit von verheirateten Berufstätigen in einigen Kantonen und auf Bundesebene sogar steuerlich bestraft

Es bleibt noch viel zu tun

Das NFP 60 macht deutlich, dass es komplexe Mechanismen einschliesslich gesellschaftlicher Prägungen und Normierungen sind, welche dazu beitragen, dass die bisherige Gleichstellungspolitik trotz beachtlicher Errungenschaften nicht die erwarteten Wirkungen entfalten konnte. Auch zeigt sich, dass es offenbar 'kritische Momente' im Lebensverlauf gibt, an denen die Weichen für Chancengleichheit gestellt werden, wobei die Ansprüche und Funktionslogiken verschiedener gesellschaftlicher Bereiche zusammenspielen. Um die Komplexität dieser Wirkungszusammenhänge anzugehen, müssen gleichstellungspolitische Massnahmen umfassend angelegt sein, indem sie sowohl dem biographischen Moment wie den Funktionsweisen und Voraussetzungen verschiedener gesellschaftlicher Bereiche in kritischer Weise Rechnung tragen. Das heisst: Gleichstellungspolitik wird an stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, an den vermeintlich selbstverständlichen Strukturen des beruflichen und familiären Alltags, an den kulturellen Voraussetzungen von Arbeit und nicht zuletzt an den Prämissen politischen Handelns ansetzen müssen, um Freiräume für untypische Lebenswege für Frauen wie Männer zu schaffen.

Prof. Brigitte Liebig
Präsidentin NFP 60

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