22.06.2011 

Gleichstellung ist auch Männersache. Männer und «Männlichkeiten» im NFP 60 

Viel Aufmerksamkeit finden gegenwärtig die Jubiläen der Frauenemanzipation – aber was ist in den vergangenen Jahrzehnten auf Seiten der Männer geschehen? Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels und veränderter Geschlechterverhältnisse stehen auch sie vor neuen Herausforderungen, etwa wenn es um Selbstdefinitionen als Mann, um Bildungsentscheidungen und Berufslaufbahnen oder um familiäre Lebensformen geht.

Dieses Bild zeigt einen Mann, der einem kleinen Kind zu Essen gibt. 
Jüngere Männer orientieren sich häufiger an Vorstellungen von Männlichkeit, in deren Rahmen es nicht als unmännlich gilt, sich an Erziehungs- und Betreuungsarbeiten zu beteiligen.

Beiträge der Männerforschung machen schon seit den 1980er Jahren darauf aufmerksam, dass von «dem Mann an sich» nicht die Rede sein kann: vielmehr existieren unterschiedliche «Männlichkeiten», die in Beziehung – und in Hierarchie – zueinander stehen. Aktuelle Studien diagnostizieren in postindustriellen Ländern eine wachsende Kluft zwischen einem Männlichkeitsverständnis, welches das traditionelle Bild des Mannes aggressiv überhöht, und einer als «feminin» geltenden, «alternativen» Männlichkeit, die gesellschaftlich und im Berufsleben ein Schattendasein führt. «Neue» Männer finden sich – ebenso wie Frauen – nicht selten Ordnungsmustern und Machtverhältnissen unterworfen, die im Gegensatz zu ihren Interessen und Anliegen stehen.

Neue Männlichkeitsvorstellungen
Exemplarisch sei dazu die Erwerbssphäre angeführt: Auch in der Schweiz wünschen sich heute viele Männer, weniger zu arbeiten, dies selbst um den Preis einer Lohnkürzung. Besonders jüngere Männer orientieren sich häufiger an «alternativen» Männlichkeitsvorstellungen, in deren Rahmen die Beteiligung an Erziehungs- und Betreuungsarbeiten – ja sogar an der Hausarbeit – nicht als unmännlich gilt. Die Barrieren für die Umsetzung neuer Lebensentwürfe jedoch sind hoch: Steigende Anforderungen an Mobilität, Flexibilität und beruflicher Verfügbarkeit erschweren Männern (und Frauen) die Vereinbarung von Beruf und familiärem Engagement. Überdies tragen gesellschaftliche Normen dazu bei, dass gut ausgebildeten, fürsorglichen Vätern die Leistungsmotivation abgesprochen wird. Teilzeitarbeitende, fürsorgliche Mütter hingegen «passen» offensichtlich weiterhin ins Erwerbsleben: bis dato sind über 80% aller Teilzeitstellen von Frauen besetzt.

Differenzierte Auseinandersetzung im NFP 60
An den Widersprüchen zwischen persönlichen Präferenzen und tatsächlich gelebtem Alltag von Männern (und Frauen) knüpfen die Projekte des NFP 60 an. Dabei geht es den Forscherinnen und Forschern um eine differenzierte Auseinandersetzung mit den komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen, die auf das Denken, Empfinden, Entscheiden und Handeln jedes und jeder Einzelnen Einfluss nehmen. Das NFP 60 thematisiert Männer keineswegs nur als diejenigen, die auf verschlungenen Wegen bis heute Privilegien geniessen, beispielsweise wenn es um Gehälter oder Führungspositionen geht. Vielmehr untersuchen die Projekte Männer auch als von Benachteiligungen Betroffene, so etwa in der Festlegung auf spezifische Ausbildungsgänge und Karrieren, auf spezifische Rollen im Privaten und im Beruflichen oder als Opfer sexueller Übergriffe. Nahezu alle Forschungsprojekte des NFP 60 widmen sich zudem ausdrücklich Männern als aktiv am Gleichstellungsprozess beteiligten Personen. Es ist also zu erwarten, dass die Analysen nicht nur aktuelle Probleme der Gleichstellung aufzeigen werden, sondern auch die Veränderungspotenziale, die Männer (und Frauen) in das alltägliche «doing gender (in)equality» in der Politik und in den Gewerkschaften, in öffentlichen Organisationen, in Unternehmen, in Schulen und Gerichten und nicht zuletzt in Paarbeziehungen einzubringen vermögen.

Prof. Brigitte Liebig, Präsidentin der Leitungsgruppe des NFP 60

Dieser Text ist im Rahmen des Newsletters des NFP 60 vom 22.06.11 zum Thema «Männer und Gleichstellung» erschienen.

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